Blogbeitrag

Warum ein Social-Media-Verbot die falsche Antwort ist

Dr. Vivien Benert bezieht Stellung zur aktuellen politischen Debatte um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche.

Kinder aussperren, Big Tech schonen

Die Debatte klingt fürsorglich, fast schon beruhigend: Social Media erst ab 16 Jahren oder gleich ab 14. Wer genauer hinschaut, erkennt hier vor allem eines: eine Kapitulation vor Big Tech. Denn ein Social-Media-Verbot für Minderjährige ist ein Eingeständnis, dass der Mut fehlt, das zu tun, was gute Politik eigentlich leisten muss: mächtige Plattformen so zu regulieren, dass sie Menschen nicht schaden.
Die Verbotsidee ist längst kein Randthema mehr. In der CDU liegt ein Antrag für ein Mindestalter für die Nutzung sozialer Medien von 16 Jahren auf dem Tisch, flankiert durch verpflichtende Altersverifikation. Gleichzeitig diskutiert die SPD ein Social Media-Verbot unter 14 Jahren. Die Zahl variiert, der Reflex bleibt derselbe: Wenn Plattformen Nutzenden schaden, sperren wir die Nutzenden aus, statt die Plattformen zu regulieren. Das Problem an dieser Logik ist nicht nur, dass Altersverifikation leicht umgangen werden kann, wie man am australischen Beispiel aktuell sehr gut beobachten kann. Das Problem ist, dass der Ansatz politisch bequem und strukturell falsch ist. Denn die Schäden, über die wir sprechen – endloses Scrollen, algorithmische Verstärkung, hochpersonalisiertes Ranking, Dark Patterns – sind keine naturgegebenen Begleiterscheinungen „des Internets“. Sie sind Designentscheidungen.  
Das politische Gegenmittel darf daher nicht lauten „Kinder raus“, sondern „Design umbauen“ und zwar verbindlich und überprüfbar. Es genügt nicht, wenn Plattformen erklären, dass sie Inhalte ranken oder grob skizzieren, womit sie das tun. Denn selbst die perfekte Transparenz über einen schlechten Algorithmus macht den Algorithmus nicht besser. Wir brauchen einen Schritt über die Transparenz hinaus: klare Leitplanken dafür, wie demokratieverträgliche Empfehlungssysteme aussehen müssen. Wenn algorithmische Selektion weiterhin primär darauf ausgelegt ist, Engagement zu maximieren – also auf Sensation, Empörung, Emotionalisierung – dann bleibt die öffentliche Debatte in einer Spirale, die demokratische Meinungsbildung eher beschädigt als stärkt.
Verbieten, weil Regulierung versagt, ist keine demokratische Stärke. Demokratie heißt, Regeln durchzusetzen – gerade gegen die Stärkeren durchzusetzen, statt den Schwächeren den Zugang zu entziehen. Mit dem Digital Services Act (DSA), dem Digital Markets Act (DMA) und dem geplanten Digital Fairness Act (DFA) hat die EU bereits wichtige Werkzeuge zur Regulierung geschaffen. Der Rest ist eine Frage des politischen Willens. Wer den nicht aufbringt, schützt nicht die Kinder, sondern das Geschäftsmodell von Big Tech.

Mit Alternativen und Gegenvorschlägen zum Geschäftsmodell von Big Tech und dessen Einfluss auf digitale und analoge Öffentlichkeiten beschäftigt sich auch unser Projekt: Digitale Souveränität durch offene Plattfromen.

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