Autor:innen: Dr. Florian Theißing, Dr. Stefan Heumann
Am 6. Mai 2026 feiert das Digitalministerium seinen ersten Geburtstag. Genau ein Jahr zuvor erhielt Karsten Wildberger als erster Digitalminister Deutschlands seine Ernennungsurkunde vom Bundespräsidenten. Deutschland solle „schneller, digitaler und unbürokratischer“ werden – so brachte das neue Ministerium die mit seiner Gründung verknüpften Ziele auf den Punkt.[1] Ist das Ministerium auf diesem Weg vorangekommen? Der einjährige Geburtstag bietet uns den Anlass, eine Zwischenbilanz zu ziehen.
Die Aufgabenfelder des Bundesministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung (BMDS) reichen von Digitaler Wirtschaft über Digitale Infrastruktur bis zu Staatsmodernisierung. Wir stellen den Digitalen Staat als zentrales Aufgabenfeld des BMDS in das Zentrum unserer Bewertung. Zum einen, weil wir uns hier am besten auskennen: Im Vorfeld der Bundestagswahlen im Februar 2025 haben wir uns bei der Agora Digitale Transformation intensiv mit der Frage befasst, warum die Verwaltungsdigitalisierung in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten nur schleppend vorangekommen ist[2] und welchen Unterschied ein Digitalministerium machen könnte.[3] Diese Analysen bilden den Hintergrund, von dem aus wir unsere Bewertung vornehmen.
Zum andern wird der Erfolg des Ministers auch in der öffentlichen Wahrnehmung stark mit der Frage verknüpft, ob die Digitalisierung von Staat und Verwaltung in Deutschland endlich entscheidend vorankommt. Fragen von Breitbandausbau, Digitalregulierung und Staatsmodernisierung – abgesehen von Punkten, wo sie eng mit Verwaltungsdigitalisierung verknüpft ist – sind zwar auch wichtig, sparen wir aber aus den zuvor genannten Gründen bewusst aus.
Unsere Papiere und Vorschläge zur Gründung eines Digitalministeriums prägen zweifelsohne unsere Perspektive auf die Bilanz; sollen aber nicht unsere einzige Bewertungsgrundlage bilden. Vielmehr haben wir unsere Bilanz so strukturiert, dass wir einleitend zentrale Problemstellungen beschreiben, die mit dem neuen Ministerium gelöst werden sollten. Auf dieser Grundlage analysieren wir, was im Gründungsjahr erreicht worden ist. Abschließend erlauben wir uns, dem Digitalministerium jeweils noch ein paar Empfehlungen für die weitere Arbeit mitzugeben.
Wie war die Lage vor einem Jahr?
Bis zur vergangenen Bundestagswahl waren die Zuständigkeiten für Verwaltungsdigitalisierung auf Bundesebene hauptsächlich im Innenministerium verortet. Dort war über viele Jahre die Stelle des Bundesbeauftragten für Informationstechnik (Bundes-CIO) angesiedelt. Allerdings mangelte es dem Bundes-CIO für eine Formulierung und Durchsetzung einer ressortübergreifenden IT-Strategie an Durchgriffsrechten gegenüber den IT-Beauftragten der anderen Ministerien. Innerhalb des Innenministeriums erhielt Verwaltungsdigitalisierung im Vergleich zu den im öffentlichen Fokus stehenden Sicherheits- und Migrationsthemen nur wenig Aufmerksamkeit von der Hausleitung und spielte daher auf Kabinettsebene kaum eine Rolle.
Wie ist die Bilanz nach einem Jahr?
Mit der Einführung eines eigenen Ministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) wurde die politische Bedeutung von Verwaltungsdigitalisierung stark aufgewertet. Durch die Verbindung mit der Zuständigkeit für Staatsmodernisierung wird Verwaltungsdigitalisierung im neuen Ministerium nicht isoliert betrachtet, sondern kann mit Fragen von grundlegender Staatsmodernisierung zusammengebracht werden. Folgende Punkte untermauern die politische Aufwertung von Fragen der Verwaltungsdigitalisierung:
Was empfehlen wir?
Wie war die Lage vor einem Jahr?
Die Entscheidung für ein eigenständiges Ministerium stellte die neue Hausleitung vor ein Dilemma. Einerseits sollte das neue Ministerium innerhalb kürzester Zeit arbeitsfähig werden. Denn Kritiker der Entscheidung hatten ihre ablehnende Haltung vor allem damit begründet, dass eine langwierige Aufbauphase die Umsetzung wichtiger Digitalisierungsvorhaben bremsen würde – eine Verzögerung, die man sich angesichts der Dringlichkeit der Aufgaben nicht leisten könne. Anderseits wurden im Vorfeld der Gründung des Ministeriums viele Vorschläge gemacht, wie das Digitalministerium zu einem Vorreiter für moderne Arbeitsmethoden und -Kultur werden könnte. Das neue Ministerium sollte endlich „frischen Wind“ in die Ministerialverwaltung bringen, sich dazu nicht nur Personal von außen holen, sondern auch interne Strukturen und Abläufe reformieren. Zusätzlich argumentierten Skeptiker des Vorschlags, dass es sich bei der Verwaltungsdigitalisierung um ein ressortübergreifendes Querschnittsthema handele, dessen Bearbeitung sich nicht mit der Einrichtung eines Ministeriums verbessern ließe.
Wie ist die Bilanz nach einem Jahr?
Die Befürchtungen eines langen Stillstands haben sich nicht bewahrheitet. Die Leitung benutzte in den ersten Monaten gerne den Begriff eines „Start-ups,“ um ihre Herangehensweise an den Organisationsaufbau zu beschreiben. Damit sollte vor allem signalisiert werden, dass man sich nicht zu lange von organisatorischen Fragen aufhalten, sondern schnell ins Arbeiten kommen wollte. Die Bilanz des ersten Jahres bestätigt, dass dies weitgehend gelungen ist (ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Bewertung):
Allerdings ging der Fokus auf Arbeitsfähigkeit zu Lasten von organisatorischen Innovationen:
So lässt sich nach einem Jahr klar sagen, dass schnelle Arbeitsfähigkeit über die Modernisierung der Arbeitsweise gestellt wurde. Klassische Organisationsstrukturen und Rückgriff auf Personalressourcen aus den Ministerien haben eine schnelle Anschlussfähigkeit an bestehende Strukturen und Prozesse interministerieller Zusammenarbeit hergestellt und eine positive Leistungsbilanz ermöglicht.
Was empfehlen wir?
Nachdem im vergangenen Jahr der Fokus auf einem schnellen Aufbau des Ministeriums und direktem Einstieg ins operative Arbeiten lag, sollte das Ministerium zukünftig auch die Modernisierung der eigenen Organisation und Arbeitsweise in den Blick nehmen:
Wie war die Lage vor einem Jahr?
Modernisierungsagenda, Deutschland Stack, Durchbruchsprojekte: Um seine ambitionierten politischen Ziele zu erreichen, braucht das BMDS einen leistungsfähigen operativen Unterbau. Zur Arbeitsaufnahme des Ministeriums war die Landschaft der Umsetzungsorganisationen des Bundes allerdings durch fragmentierte Zuständigkeiten und unklar abgegrenzte Aufgabenbereiche gekennzeichnet. Dieses Wimmelbild hat sich in den vergangenen Jahren als ein zentraler Hemmschuh für die Digitalisierung der Bundesverwaltung erwiesen. Darüber hinaus übernahmen Bundesministerien allzu oft das operative Projektmanagement: eine Aufgabe, für die die Ministerialverwaltung strukturell nicht geeignet ist.
Eine organisatorische Konsolidierung erschien daher dringend geboten. Insbesondere fehlte eine starke Digitalagentur mit großen Handlungsspielräumen und Entscheidungskompetenz, die die digitalpolitischen Vorhaben des BMDS operationalisiert, die daraus entstehenden Projekte professionell umsetzt und sich dazu eines leistungsfähigen Ökosystems an öffentlichen und privaten Umsetzungsorganisationen bedient.
Wie ist die Bilanz nach einem Jahr?
Das BMDS hat in einem Jahr wenige strukturelle Weichen gestellt, um das Wimmelbild der Umsetzungsorganisationen zu ordnen. Im Gegenteil: Die Fragmentierung nimmt weiter zu.
Was empfehlen wir?
Wenn das BMDS mit seinen ambitionierten Digitalisierungsvorhaben Wirkung erzielen will, führt kein Weg an einer grundsätzlicheren und mutigeren Neuordnung des Umsetzungsapparats vorbei:
Wie war die Lage vor einem Jahr?
Der digitale Flickenteppich im Föderalstaat ist einer der zentralen Gründe, warum es mit der digitalen Verwaltung in Deutschland so schleppend vorangeht. Datenregister, Authentifizierungsverfahren, Bezahlsysteme – alles gibt es doppelt und dreifach und wenig passt zusammen. Digitale Insellösungen wurden und werden fleißig gebaut, ohne einen ganzheitlichen und föderal übergreifenden Ansatz zu verfolgen. Lange fehlte ein gemeinsames Zielbild, an dem sich die Digitalisierungsaktivitäten von Bund, Ländern und Kommunen hätten gemeinsam ausrichten können. Und nicht erst mit den Dresdener Forderungen der Kommunen wurde deutlich, dass im digitalen Föderalstaat die Arbeitsteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen grundsätzlich neu organisiert werden muss.
Mit der föderalen Digitalstrategie, die der IT-Planungsrat Ende 2024 beschloss, wurde ein wichtiger Schritt zu einem Zielbild für die digitale Verwaltung in Deutschland getan – orientiert am Ansatz des „Government as a Platform“: Den Staat nicht als Ansammlung isolierter Behördenlösungen organisieren, sondern als gemeinsame digitale Infrastruktur mit einheitlichen Basisdiensten und offene Schnittstellen. Darauf aufbauend kann die Aufgabenverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen produktiv neu geordnet werden.
Wie ist die Bilanz nach einem Jahr?
Hinsichtlich der Weiterentwicklung des digitalen Föderalismus ergibt die Bilanz des BMDS nach einem Jahr ein gemischtes Bild:
Was empfehlen wir?
Die föderale digitale Verwaltung ist kein Technik-Vorhaben – sie ist ein Staatsmodernisierungsprojekt, das nicht auf Infrastrukturvorhaben reduziert werden darf:
[2] Die Ergebnisse haben wir in dieser Studie zusammengefasst: https://agoradigital.de/wp-content/uploads/2025/03/250607_SHI_ADT_Entwicklungslinien.pdf
Dr. Florian Theißing
Innovation Lead – Digitales Regierungshandeln

Medien ohne Macht.
Dr. Torben Klausa

Stellungnahme der Agora Digitale Transformation zum Konsultationsverfahren „Deutschland-Stack“.
Thilak Mahendran

Von „Wimmelbildern“ und „Sammelsurien“. Anspruchssenkung, Verinselung und Gremienvervielfältigung als Lösung von Ministerien bei ressortübergreifenden Digitalisierungsvorhaben.
Prof. Dr. Kühl
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