Blogbeitrag

Zwanzig Jahre Twitter: Wie aus einer Plattform ein Machtinstrument wurde

Von Dr. Vivien Benert; Innovation Lead für digitale Öffentlichkeit

Vor nunmehr 20 Jahren, am 21. März 2006, erschien der erste Tweet. Twitter wurde groß, weil es einen politischen Kommunikationsraum schuf, in dem sich Journalist:innen, Politiker:innen, Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen und Bürger:innen austauschen konnten. Twitter war lange auch ein Gegenmodell zur heutigen Top-down-Governance großer Plattformen: Zentrale Funktionen entstanden aus der Nutzung selbst. Die Idee des Hashtags entstand nicht aus einem Strategiepapier des Unternehmens, in dem es um die Maximierung von Aufmerksamkeit der Nutzungsdauern gehen sollte, sondern aus einem öffentlichen Vorschlag des Nutzers Chris Messina im August 2007. Er schlug vor, Schlagworte mit einer Raute (#) zu markieren, damit sich Gespräche nach Themen filtern, bündeln und wiederfinden lassen. 2009 machte Twitter Hashtags offiziell klick- und durchsuchbar und so wurde aus einer Nutzeridee eine Kernfunktion, die sich später zum Standard vieler großer Plattformen entwickelte. Auch der Retweet war erst Nutzungspraxis und wurde dann eine offizielle Funktion. Darin lag der demokratische Kern des frühen Twitter: Die Nutzenden waren nicht nur Publikum, sondern Mitgestalter:innen der Infrastruktur.

Für den gesellschaftlichen Diskurs war Twitter aus diesen Gründen wichtiger, als seine Reichweite vermuten ließ. Die #BlackLivesMatter- und #MeToo-Bewegungen sind dabei nur zwei Beispiele für sozialen Protest, der eng mit Social Media verbunden ist. Twitter machte persönliche Erfahrungsberichte millionenfach sichtbar, verhalf den Bewegungen damit innerhalb kurzer Zeit zu medialer Aufmerksamkeit und trug so zur Aushandlung gesellschaftlicher Probleme bei.

Heute ist davon nichts mehr übrig. Seit Elon Musk Twitter Ende Oktober 2022 für 44 Milliarden Dollar kaufte, ist aus einem offenen Debattenraum das Sprachrohr einer übermächtigen Einzelperson geworden. So hat der Anteil an Hassrede nach der Übernahme von Musk um 50% zugenommen (1, 2) und eine Studie zur US-Wahl 2024 fand heraus, dass die Standard-Timelines neu erstellter Accounts einen rechtslastigen Expositionsbias aufweisen (3). Laut Pew Research Center meint inzwischen die Mehrheit der X-Nutzer:innen, die Plattform unterstütze eher konservative als liberale Positionen (4).

Twitter war einmal der Beweis, dass digitale Öffentlichkeit wachsen kann, wenn Plattformen offen genug sind, von ihren Nutzer:innen mitgestaltet zu werden. X ist heute der Gegenbeweis: Wenn zu viel Macht bei Einzelnen liegt, wird Öffentlichkeit zur Ware und Moderationsentscheidungen werden zur Frage politischer Einstellung. Digitale Öffentlichkeit ist ein Gemeingut. Gerade große Plattformen (VLOPs) dürfen deshalb nicht wie Privatbesitz im politischen Sinn behandelt werden. Sie brauchen demokratische Regeln, überprüfbare Verfahren, echte Rechenschaft und im Zweifel auch strukturelle Eingriffe gegen überkonzentrierte Macht.

Aber gibt es solche demokratischen Alternativen? Die Frage wie Deutschland und die EU unabhängiger von Big-Tech-Unternehmen wie X werden können, stellt sich unser Projekt: digitale Souveränität durch offene Plattformen.

Quellen:

  1. https://news.berkeley.edu/2025/02/13/study-finds-persistent-spike-in-hate-speech-on-x/
  2. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0313293
  3. https://dl.acm.org/doi/10.1145/3715275.3732159
  4. https://www.pewresearch.org/short-reads/2025/06/05/republicans-and-democrats-on-x-differ-over-the-sites-politics-and-their-experiences/

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