Eine neue Studie der Agora Digitale Transformation zeigt erstmals, aus welchen Quellen sie schöpfen und warum das die öffentliche Meinungsbildung betrifft.
Berlin, 08.07.2026 – KI-Systeme wie ChatGPT, Gemini und Co. sind für Millionen Menschen die neuen alltäglichen Informations- und Nachrichtenquelle. Eine enge Quellenbasis, politische Verzerrungen je nach System und Thema sowie ungekennzeichnete Verweise auf russische Desinformation bilden jetzt die Grundlage, auf denen sie Nachrichten online konsumieren. Das zeigt eine Studie der Agora Digitale Transformation, welche systematisch analysiert und für den deutsche Markt un-tersucht hat, welche Quellen die KI-Systeme heranziehen, wenn Menschen sie zur Nachrich-tensuche nutzen. Für die heute veröffentlichte Studie „Meinungsbildung im Wandel: Wie KI-Systeme Quellen bei der Nachrichtensuche selektieren“ werteten die Autorinnen insgesamt 4.811 Quellenverweise aus, die sechs führende KI-Systeme in 675 Nachrichtenanfragen an fünf aufeinanderfolgenden Werktagen angaben.
Wenige Leitmedien dominieren die KI-Antworten
Alle untersuchten Systeme schöpfen aus einem engen Quellenpool. Fast die Hälfte aller 544 zitierten Domains (46 Prozent) taucht nur ein einziges Mal auf. KI-Systeme brechen bestehende Aufmerksamkeitsasymmetrien im Digitalen also nicht auf, sondern reproduzieren und verstär-ken sie. „KI-Systeme entscheiden heute mit, welche Inhalte und Stimmen zu sehen sind. Nach welchen Kriterien sie selektieren, weiß niemand außer den Anbietern selbst, so dass die Grundlage unserer Meinungsbildung jetzt eine Blackbox ist“, sagt Vivien Benert, Innovation Lead für Digitale Öffentlichkeit bei der Agora Digitale Transformation.
Kooperationen zwischen OpenAI und Springer dominiert Quellenauswahl bei ChatGPT
Eine starke Konzentration auf wenige Quellen zeigt sich bei ChatGPT. Mehr als jeder dritte Quel-lenverweis (34 Prozent) entfällt dort auf welt.de. Diese Dominanz führt die Studie auf die Koope-ration zwischen OpenAI und Axel Springer zurück. Wenn solche Kooperationen während der Nutzung der KI-Systeme nicht ersichtlich sind, erkennen viele Nutzerinnen und Nutzer die Domi-nanz einzelner Medien als Quellenbasis der KI-Antworten nicht. „Nutzende denken, KI-Systeme durchsuchen das ganze Internet und greifen auf viele verschiedene Quellen zu, aber unsere Ergebnisse zeigen, dass das bei vielen Anfragen nicht so ist“, so Benert.
Die politische Ausrichtung der Quellenbasis wechselt mit dem Thema
Manche Systeme verschieben zudem die politische Ausrichtung der zitierten Quellen je nach-dem, zu welchem Thema man sie befragt. Gemini scheint insgesamt ausgeglichen, beim The-ma Klima stammen jedoch 45 Prozent der journalistischen Quellen aus dem konservativen Spektrum. Auch bei ChatGPT dominieren aufgrund der Kooperation mit Springer und dem hohen Anteil von welt.de journalistische Quellen aus dem konservativen Spektrum mit 53 Prozent. Ge-rade bei kontroverseren Themen wie Klima oder Migration sinkt außerdem der Anteil journalisti-scher Quellen insgesamt, von 69 Prozent bei Innenpolitik auf 44 Prozent beim Thema Klima. Für Nutzende sind diese Verschiebungen schwer bis nicht erkennbar.
Russische Desinformation in KI-Antworten
Desinformation gelangt ungekennzeichnet in KI-Antworten. Claude verwies im Untersuchungs-zeitraum siebenmal auf das Pravda-Netzwerk, ein russisches Desinformationsnetzwerk. Diese Verweise stehen unmarkiert neben journalistischen Quellen. „Wenn russische Propaganda in einer KI-Antwort unmarkiert neben Qualitätsmedien steht, ist das ein demokratisches Problem und keine technische Panne“, so Benert.
Journalismus verliert Reichweite und Refinanzierung
Wer eine fertig formulierte KI-Antwort erhält, ruft die Originalquellen kaum noch auf. Der geringe Teil der Aufrufe, der über KI-Systeme auf die Originalseiten zurückfließt, konzentriert sich zudem auf wenige Leitmedien. Verlage geraten damit in ein doppeltes Dilemma. Werden sie nicht zi-tiert, verlieren sie Sichtbarkeit. Werden sie zitiert, ohne dass Leser:innen ihre Seiten besuchen, verlieren sie ihre ökonomische Grundlage.
Transparenzpflichten für KI-Anbieter reichen nicht aus
Bestehende Regulierungsansätze wie die europäische KI-Verordnung regeln eine Dokumentati-on der Trainingsdaten, aber nicht die Quellenauswahl im laufenden Betrieb der Modelle. „Um die fehlende Transparenz zu schaffen, braucht es Kriterien zur Quellenauswahl im laufenden Betrieb und das Sichtbarmachen bestehender Kooperationen zwischen KI-Anbietern und Medienhäu-sern für Nutzende bei der Nutzung der KI-Systeme“, sagt Vivien Benert.